Iris Wenz

BESTANDSAUFNAHME BACHBETT DES DÖRREBACHS

Die Ortsgruppe der "Grünen" Stromberg übernahm 1995 die Partnerschaft für den "Dörrebach" oberhalb von Stromberg.

Sie machte es sich unter anderem zur Aufgabe, für eine Verbesserung des Naturzustandes dieses Mittelgebirgsbaches und für einen besonderen Schutz seiner Tier- und Pflanzenwelt zu sorgen.

Bürger und politische Entscheidungsgremien der anliegenden Städte und Gemeinden sollen über Zustand und Pflegebedürftigkeit des "Dörrebaches" informiert und für entsprechende Schutz- und Pflegemaßnahmen interessiert werden.

Die Vorraussetzung dafür ist die Auswertung aktueller Daten über den Zustand des Gewässers. Dazu dienen in erster Linie botanische und faunistische Untersuchungen in der Bachaue, Ermittlung der Wasserqualität sowie die Bewertung von Gewässerausbau und Nutzungsintensität der Ufer.

Im vergangenen Spätsommer 1995 wurde im Rahmen einer Bachbegehung eine erste Sammlung an Informationen über den "Dörrebach" erstellt (häufige Pflanzenarten, Verschmutzung des Bachbettes und der Ufer, Gewässereinleitung ab der Ortsgrenze Stromberg, Bauvorhaben). Daran nahmen Mitglieder der Ortsgruppe des "Grünen" Stromberg, Iris Wenz und Interessierte teil.

In diesem Jahr, 1996, fanden drei Begehungen zwecks botanischer Bestandsaufnahmen zur Charakterisierung des "Dörrebaches" statt. Aufnahmeflächen waren jeweils das Bachbett (periodisch streckenweise trockengefallen) und die angrenzende Uferregion.

Eine Kartierung am 16.05.1996 erfasste unter anderem sämtliche Frühjahrsblüher (Geophyten). Sie wurde durch zwei im Hochsommer erstellte Pflanzenaufnahmen (19.07.1996 / 29.07.1996) ergänzt.

Weitere Bestandsaufnahmen dieser Art über Jahre hinweg würden eine vollständige Erfassung der im Gebiet vorkommenden Flora versprechen. So könnten Veränderungen in der Artenzusammensetzung verfolgt werden ( z.B. das Verschwinden oder gehäufte Auftreten bestimmter Arten) und rechtzeitig auf negative Veränderungen in der Bachaue reagiert werden.

 

 

 

 

 

 

Das Untersuchungsgebiet:

 

Bachverlauf / Namensgebung:

Der "Dörrebach" ist eine "Fortsetzung" des "Lehnbaches".

Seine fünf größten Quellarme stammen vom "Opel" ("Soonwald", 650 ü. NN) und den Ausläufern des "Kesselberges" ("Soonwald",570 ü. NN).

Von der Mündung bis auf Höhe "Lehnmühle" (Bachkilometer circa 5 km) nennt man den untersuchten Mittelgebirgsbach "Lehnbach". Der anschließende Abschnitt bis zur Mündung in den "Guldenbach" ("Stromberg") wird als "Dörrebach" bezeichnet.

Die unterschiedliche Namensgebung beruht auf der zum Teil unterirdischen Wasserführung, eine besondere Eigenart dieses Gewässers: "Lehnbach" kommt von "Lehen", sein Verlauf ist oberirdisch aufgrund des wasserundurchlässigen Untergrundes (u.a. Lehm). "Dörrebach" bezeichnet denjenigen Abschnitt, der zu regelmäßigen Zeiten im Jahr trocken fällt (Sommer; zeitweise Herbst, Winter und Frühjahr). In der regenarmen Zeit reicht der Wasservorrat nicht aus, um den "Dörrebach" zu speisen; die geringen Wassermengen versickern auf dem durchlässigen Kalkgestein (mitteldevonisches Kalkgebiet bei "Stromberg"). Der Bach fließt dann unterirdisch weiter.

 

 

Naturraum:

Der Bach fließt durch den "Soonwald" ("Hunsrück / Rheinisches Schiefergebirge"). Die Mündung des "Dörrebachs" befindet sich an der Grenze zwischen "Soonwald" und "Unterem Nahehügelland".

In den "Hunsrückhöhenlagen", wozu auch der "Soonwald" gehört, herrscht ein "betont humides Regionalklima". Der durchschnittliche Jahresniederschlag liegt bei ca. 800 mm. Die durchschnittliche Lufttemperatur des kältesten Monats (Januar) beträgt 1C, die des wärmsten Monats (Juli) 14 15C.

Potentielle natürliche Vegetation des Einzugsgebietes des "Dörrebaches" ist der Erlenbruchwald, die "Endstufe" der Bachauenvegetation, die sich nach Jahrzehnten, z.t. erst nach mehr als hundert Jahren, in den Bachauen ausbildet.

Naturnahe unverbaute Bachauen wie der "Dörrebach" und mit ihnen eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren sind selten geworden. Sie genießen deshalb einen generellen Schutz ("Rote Liste der bestandsgefährdeten Biotoptypen in Rheinland-Pfalz").

Der Erlenbruchwald ist, abgesehen von den Pflanzen und Tieren, die er beherbergt, in seiner Funktion als Hochwasserschutz und seiner Schönheit auch deshalb so wertvoll, weil er diesen langen Zeitraum bis zu seiner "fertigen" Entwicklung (Sukzession / Klimax) benötigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ergebnisse:

 

Im Untersuchungsgebiet wurden folgende Pflanzenarten festgestellt:

 

Wildkräuter

Blauer Eisenhut

Aconitum napellus 1

Kriechender Günsel

Ajuga reptans

Gem. Knoblauchsrauke

Alliaria petiolata

Buschwindröschen

Nemone nemorosa

Große Klette

Arctium lappa

Gefleckter Aronstab

Arum maculatum

Nesselblättrige Glockenblume

Campanula trachelium

Spring-Schaumkraut

Cardamine impatiens

Großes Schöllkraut

Chelidonium majus

Gemeines Hexenkraut

Circaea lutetiana

Gewöhnlihce Waldrebe

Clematis vitalba

Hohler Lerchensporn

Corydalis cava

Zwiebel-Zahnwurz

Dentaria bulbifera

Zottiges Weidenröschen

Epilobium hirsutum

Dunkelgrünes Weidenröschen

Epilobium obscurum

Echtes Mädesüß

Filipendula ulmaria

Kleb-Labkraut

Galium aparine

Pyreneen-Storchschnabel

Geranium pyrenaicum

Stinkender Storchschnabel

Geranium robertianum

Echte Nelkenwurz

Geum urbanum

Kleinblütiges Springkraut

Impatiens noli-tangere

Großes Springkraut

Impatiens parviflora

Drüsiges Springkraut

Impatiens glandulifera

Goldnessel

Lamium galeobdolon

Weiße Taubnessel

Lamium album

Gefleckte Taubnessel

Lamium maculatum

Rote Taubnessel

Lamium purpureum

Rainkohl

Lapsana communis

Schuppenwurz

Lathraea squamaria 3

Wiesen-Wachtelweizen

Melampyrum pratense

Wald-Bingelkraut

Mercurialis perennis

Wald-Sauerklee

Oxalis acetosella

Einbeere

Paris quadrifolia 2

Ährige Teufelskralle

Phyteuma spicatum

Vielblütige Weißwurz

Polygonatum multiflorum 4

Echtes Lungenkraut

Pulmonaria officinalis 4

Scharbockskraut

Ranunculus ficaria

Kriechender Hahnenfuß

Ranunculus repens

Krauser Ampfer

Rumex crispus

Knotige Braunwurz

Scrophularia nodosa

Wald-Ziest

Stachys sylvatica

Große Sternmiere

Stellaria holostea

Große Brennessel

Urtica dioica

Echter Baldrian

Valeriana officinalis

Wolliger Schneeball

Viburnum lantana

Gemeiner Schneeball

Viburnum opulus

1 Rote Liste der in Rheinland-Pfalz

2 selten 3 ziemlich selten

geschützten Pflanzen

4 zerstreut

Baum- und Strauchschicht

Feldahorn

Acer campestre

Bergahorn

Acer prendoplatanus

Gemeine Rosskastanie

Aesculus luprocastanum

Erle

Alnus glutinosa

Hainbuche

Caprinus betulus

Roter Hartriegel

Comus sanguinea

Hasel

Corylus avellana

Zweigriffliger Weißdorn

Crataegus laevigata

Stieleiche

Qurcus robur

Pfaffenhütchen

Eyonymus europaea

Rotbuche

Fagus sylvatica

Gemeine Esche

Fraxinus excelsior

Europäische Lärche

Larix decidua

Fichte

Picea albies

Vogelkirsche

Prunus avicum

Alpen-Johannisbeere

Ribes alpinum

Brombeere

Rubus fruticosus

Salweide

Salix caprea

Schwarzer Holunder

Sambucus nigria

Eberesche

Sorbus ancuparia

Wolliger Schneeball

Viburnum lantana

Gemeiner Schneeball

Viburnum opulus

 

 

Die Vegetation des "Dörrebach" kann insgesamt als sehr naturnah bezeichnet werden.

Sie setzt sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, aus typischen Arten der Bachaue und krautreichen Laubmischwäldern zusammen.

So zählen Anemona nemorosa, Arum maculatum, Corydalis cava, Dentaria bulbifera, Filipendula lmaria, Mercurialis perennis, Ranunculus ficaria, Urtica dioica u.v.m. als typische Vertreter dieser beiden Lebensäume zu häufigen Pflanzenarten des vorübergehend trockengefallenen Bachbettes und der angrenzenden Steilufer. Die Böden im Gebiet um Stromberg sind sehr kalkhaltig (mitteldevonisches Kalkgebiet). Folglich tritt Fraxinus excelsior (Gemeine Esche) neben Alnus glutinosa (Schwarzerle) verstärkt auf.

Besonders erwähnenswert ist das Vorkommen von Aconitum napellus (Blauer Eisenhut), Lathraea squamaria (Schuppenwurz), Paris quadrifolia (Einbeere), Polygonatum multiflorum (Vielblütige Weißwurz) und Pulmonaria officinalis (Echtes Lungenkraut). Diese Pflanzen gelten als "sehr zerstreut" oder "selten". Sie stehen auf der "Roten Liste der in Rheinland-Pfalz geschützten Pflanzen".

Aconitum napellus (Blauer Eisenhut) nam, so vermuten Botaniker heute, ursprünglich nicht im Hunsrück vor. Er hat das Biotop wohl erst in neuer Zeit besiedelt. So sieht man ihn am Dörrebach auch nur vereinzelt und in geringer Zahl. Man findet die verwilderte oder eingebürgerte Art typischerweise "in Hochstaudengesellschaften an Bächen und Quellen, auch in bachbegleitenden Erlenwäldern und Weidengebüschen; auf feuchten bis sickernassen, nitratreichen, schwach sauren bis schwach basischen, humosen Lehm und Sandböden" (Blaufuß, Reichert; 1992).

Lathraea squamaria (Schuppenwurz) ist eine ziemlich seltene Pflanze der Auen- und Schluchtwälder. Sie wächst auf "stickstoffreichen (...), frischen bis feuchten (...), tiefgründigen Lehm- oder Tonböden" (Blaufuß, Reichet; 1992) und parasitiert auf den Wurzeln von Hasel, Erle und Pappel.

Auffällig ist das häufige und vielfältige Auftreten der Springkrautarten Impatiens noli-tangere, Impatiens glandulifera und Impatiens parviflora am Dörrebach.

Impatiens parviflora bedeckt im Sommer nahezu das gesamte trockengefallene Bachbett. Der aus dem nordöstlichen Asien stammende Neophyt verwilderte etwa 1840 aus botanischen Gärten und breitete sich seitdem in vielen Gebieten rasch aus. Er findet am Dörrebach die für ihn günstigen Standortbedingungen vor "stickstoffreiche (...), frische, lockere Lehm- und Tonböden; Schatten bis Halbschatten" (Blaufuß, Reichert; 1992) und verdrängt so einheimische Pflanzen.

Impatiens noli-tangere hingegen gilt als heimische Pflanzenart mit den selben Ansprüchen an ihren Standort. Sie ist in geringe Zahl in den Massenbeständen von Impatiens parviflora zu finden.

Das dritte im Gebiet vertretene Springkraut (Impatiens glandulifera), ebenfalls eine typische Pflanze der Auenwälder und Bach- und Flussufer ist ein Neophyt des Himalaya. Er gilt als Wärmezeiger und tritt deshalb in den kühlen Lagen des Soonwaldes nur sehr vereinzelt auf.

 

 

 

Zusammenfassung:

Der "Dörrebach" mit seinen Steilufern und auentypischen Pflanzengesellschaften zählt zu den letzten naturnahen Bachauen in unserer Region.

Er bietet seltengewordenen Tieren und Pflanzen wertvollen Lebensraum und Rückzugsmöglichkeit und spielt zudem eine unverzichtbare Rolle für den Wasserhaushalt seines Einzugsgebietes.

Nur ein unausgebauter Bach mit ausreichend Uferwuchs, wie wir ihn noch im Untersuchungsgebiet vorfinden, kann solche unverzichtbaren Aufgaben wie "Hochwasserrückhaltung, Niedrigwasseraufhöhung, biologische Selbstreinigung, Stoffrückhaltung und die Schaffung wertvoller Lebensräume und deren Vernetzung" (Wenz; 1995) erfüllen.

Die großen Hochwasserereignisse im Winter 1994 / 1995 und wiederholte Überschwemmungen in der darauffolgenden Zeit haben gezeigt, wie wichtig diese Funktionen auch für den Menschen sind. Ein naturnaher Bach wie der Dörrebach, mit der Tier- und Pflanzenwelt die er beherbergt, muss unbedingt geschützt werden.

 

 

Maßnahmen:

Deshalb ist der Erhalt dieses naturnahen Gewässerabschnittes und seiner Lebensformen an erste Stelle zu setzen! Die Aufgabe des Bachpaten und aller zuständigen Behören und Gremien muss sein, jegliche Art von Veränderungen durch den Menschen in dem Gebiet zu verhindern und im Ernstfall bestrafen zu lassen.

Im Falle des Dörrebaches sind Renaturierungs- und Rückbaumaßnahmen nicht erforderlich. Im Gegenteil: Eingriffe des Menschen könnten hier schädigende Wirkung auf das empfindliche Ökosystem Bauchaue haben.

An vereinzelten Stellen ist das Bachbett mit einer Betonsohle versehen, im Bereich des Wohngebietes sind die Ufer lose befestigt. In diesen Fällen sind Rückbaumaßnahmen denkbar.

Meist empfiehlt es sich, im Falle von schwachen Veränderungen, den Bach "sich selbst zu überlassen".

Bach-Auen-Systeme sind in großem Maße regenerationsfähig und somit in der Lage, innerhalb kürzester Zeit einen naturnahen Zustand (Hochstaudenfluren, Ansiedlung von Erlen- und Weidengehölzen, ...) wiederherzustellen. Aufforstungen sind aus diesem Grund in der Aue meist überflüssig, so auch am Dörrebach.

Umgefallene Bäume, erodierte Uferabschnitte und Aufschüttungen im und am Bachlauf sind typische Merkmale eines jeden Fließgewässers und sogar wichtig für einen funktionsfähigen Naturhaushalt und zum Erhalt auentypischer Kleinbiotope.

Sogenannte "Aufräumaktionen" im Bach und an seinen Ufern sind zu begrüßen, sofern sie nur schädliches "Fremdmaterial" wie z.B. Plastikabfall und Blechteile beseitigen und sie von Fachkundigen begleitet werden.

Solche publikumswirksamen "Bachsäuberungen" können auf Missstände und die Bedeutung des Dörrebaches hinweisen und außerdem interessierte Bürger bei den Aktionen miteinbeziehen.

Sie sollten aber unbedingt außerhalb der Brutzeit (also von November bis Februar) durchgeführt werden. Weiterhin ist darauf zu achten, nicht unbeabsichtigt biotopschädigend vorzugehen (z.B. Zertrampeln der Vegetation, Zerstörung von Versteck- und Unterschlupfmöglichkeiten empfindlicher Tierarten beim Abgehen des Baches und Entfernen der Gegenstände).

Insgesamt erscheint der Dörrebach und die ihn umgebende Aue noch in seiner ursprünglichen Gestalt und ist als solcher unbedingt zu erhalten und zu schützen.

 

 

Literaturliste:

Blaufuß, A. & Reichert, H.; "Flora und Fauna des Nahegebietes und Rheinhessens"; Polichia-Band 26; Selbstverlag Polichia; Bad Dürkheim; 1992

Ministerium für Soziales, Gesundheit und Umwelt; "Geschützte Pflanzen in Rheinland-Pfalz"; Naturschutzhandbuch Band 2; Mainz; 1986

Ministerium für Umwelt und Forsten; "Forstatlas Rheinland-Pfalz"; Mainz 1994

Topographische Karte "Der Soonwald; 1:50.000"; Landesvermessungsamt; Mainz; 1991

Wenz, I.; "Der Zustand eines Mittelgebirgsbaches, untersucht am Beispiel des Mühlbaches im Rhein-Lahn-Kreises"; GNOR Aktuell &/95; Nassau/Lahn; 1995